Der Segen und der Fluch der 1-en und 0-en in der Fotografie

Der Segen und der Fluch der 1-en und 0-en in der Fotografie

Der Segen und der Fluch der 1-en und 0-len in der Fotografie.

Lange habe ich mir überlegt, ob ich darüber was schreiben möchte, und ob es einen überhaupt interessiert. Doch… Ich mache es.

Ich fange mal von vorne an.
Als ich im Jahre 1995 mit meiner ersten Ausbildung als Fotolaborantin anfing, hat man noch wenig über die Digitale Fotografie gehört. Und wenn, dann war es außerhalb meiner Vorstellungskraft und gefüllt ganz weit weg. Irgendwann mal erzählte mir mein 85-Jähriger Opa, das er in der Zeitung ein Bericht über die Zukunft der Fotografie gelesen hat. „Stell dir vor“, sagte er, „bald wird es kein Film mehr geben! Bald brauchst du nicht mehr in der Chemie rumplanschen, bald gehört es alles der Vergangenheit und du sitzt nur noch vor dem Computer!“ Ich habe geschmunzelt und habe ihm gesagt: „Na klar, Opa. Bis die mit der Entwicklung so weit sind, liege ich unter der Erde!“ Wie weise er doch war und er hatte recht behalten. Nach und nach, und es hat gar nicht so lange gedauert, gab es die ersten digitalen Kameras, die sich auch ein „normal sterblicher“ leisten konnte. Meine Gesellenprüfung im Jahr 2000 habe ich noch komplett analog gemacht, nur 5 Jahre später bei der Meisterprüfung, war ich noch die einzige, die Filme belichtet hat. Die Frage der Prüfer war: „Warum tust du das? Wir leben in den Zeiten der digitalen Fotografie. Es hat keine Zukunft, was du da machst.“ Meine Antwort war: „Mag sein, aber für mich gehört immer noch analog zu der dem wahren Können.“ … 2007 besaß ich meine erste digitale Kamera, eine Nikon D70s, und der „Unheil“ nahm seinen Lauf.
Die Fotografie als Handwerk wurde von der Handwerkskammer schon paar Jahre vorher aus der Gesellen- und Meisterpflicht befreit, so dass jeder, der eine Kamera besaß und meinte, fotografieren zu können, machte sich selbständig: Ein Fluch und ein Segen für alle Fotografen. Aber das ist jetzt ein anderes Thema.
Aber was hat sich jetzt verändert?
Außer, dass man viel schneller ans Ziel kommt, ohne vorher ein Film noch entwickeln zu müssen?
Es hat sich was Entscheidendes verändert:
es wird viel viel mehr als früher fotografiert: Kostet ja nix! Drücke ich noch mal drauf. Und wenn es nicht so gut geworden ist, kann man es ja mit diversen Computerprogrammen noch alles „grade rücken“. Dann kamen die tollen Mobiltelefone mit einer eingebauten Kamera! Noch mehr Bilder! Eine Flut von Bildern! Bilder, die sofort online gestellt werden, oder einfach auf den Festplatten oder in den „Wolken“ als 1-en und 0-en für immer begraben werden, weil es in seltenen Fällen noch mal angeschaut wird. Schnell teilen, ein paar Likes absahnen, und weiter geht’s… Und wenn die Festplatte irgendwann mal nicht mehr lesbar ist, und man hat die Bilder nicht ausgedruckt (wer macht das schon noch? Braucht man ja nicht mehr! Kann man ja alles auf dem Bildschirm sehen!), dann sind die Daten für immer verloren. Die Erinnerungen gehen verloren, die man früher auf einem Film festgehalten hat, nicht sooo viele, wie heut zu Tage, aber man ist anders damit umgegangen. Man hat die Bilder ausgedruckt, sie liebevoll in Alben geklebt und spätestens bei der Hochzeit oder dem Auszug der Kinder, die Alben dann mitgegeben. Die Kindheitserinnerungen. Bilder von Oma und Opa, vielleicht sogar von den Urgroßeltern. Und diese Erinnerungen passten alle in ein Fotoalbum, oder zwei. Die schöne Essens, die man sich gern wieder und wieder angeschaut hat und weiter vererbt hat. Ich höre von meinen Kunden so oft: wir haben so viele Bilder, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll sie zu sortieren? … Und Ups… jetzt sind sie ganz weg, weil sie nicht mehr lesbar sind, die schönen vielen Daten… die vielen 1-en und 0-en….
Ich kann mich davon leider auch nicht freisprechen: ich habe aus meiner analogen Zeit ein paar Ordner mit Negativen, die ich jeder Zeit rausholen kann und ohne weitere Hilfsmittel, einfach gegen das Licht halten kann, und sehe, was drauf ist. Und kann sie jeder Zeit zu einem Papierbild umwandeln. Ohne Computer, ohne 1-en und 0-en. Aber meine digitalen Daten: einige davon sind für immer weg. Weil sie auf CDs mal gebrannt wurden, als die Festplatten noch viel zu teuer waren, und diese CDs sind leider nicht mehr lesbar… Hmmm… Pech… Auch die so tollen Festplatten sind begrenz haltbar. Die Entwicklung geht weiter, Systeme ändern sich, und dann wieder futsch… wieder alles weg. Ich kann mich auch nicht davon freisprechen, dass ich seit der digitalen Zeit mehr Bilder mache. Eine regelrechte Flut. 4 TB im Jahr sind nix. Fast alle meine Kunden bekommen noch Papierabzüge von mir, damit sie ihre Erinnerungen wenigstens in die Schrankschublade reinlegen können. Vielleicht schaffen DIE Bilder es zu überleben. Ich hoffe es sehr.

Die Fotografie hat sich verändert. Die Bedeutung einer einzelnen Aufnahme ist nicht mehr das Ziel. Damit müssen wir wohl leben. Die Zeiten ändern sich eben…

Ich, meiner seits, möchte gerne paar Schritte zurück gehen. Ich möchte für mich die Zeit anhalten und die besonderen Momente in einem einzelnen Bild festhalten, und nicht in einem Ordner mit 100 Bildern mit einem Datum.
So richtig loslassen konnte ich noch gar nicht recht. Ich habe noch mein Schwarzweiß Labor, der in den letzten Jahren zwar immer mehr ausgebaut wurde, aber nie richtig genutzt wurde, weil die Zeit fehlte. Weil man sich immer wieder bei dem Gedanken erwischte: „Ach komm, machst du mal eben digital, ist schneller fertig, der nächste Auftragskunde wartet auch noch auf seine Bilder.“ Ist auch ein richtiger Gedanke, weil man ja auch Geld verdienen möchte 😉 Je älter ich werde, desto mehr sehne ich mich nach der Entschleunigung in meiner Arbeit. Ich möchte mir wieder Zeit lassen, ich möchte nicht das Bild sofort sehen, was ich gemacht habe. Ich möchte diesen Zeitprozess, in dem man den Film erst entwickelt, wiederhaben. Analoge Fotografie ist mittlerweile zu einer Nische der Außenseiter geworden, die sich entweder ausprobieren, weil es zurzeit wieder Hype ist, oder die alten Fotografen, die die Bedeutung des alten Verfahrens schätzen und es erhalten wollen.

Auf jeden Fall werde ich es meinen Kunden in Zukunft die Möglichkeit geben, ihre Erinnerungen nicht nur in 1-en und 0-en festzuhalten, sondern auf der alten und guten Silbergelatine, die garantiert länger überlebt. Und das Thema Datenschutz wäre damit komplett vom Tisch, weil diese Bilder ohne 1-en und 0-en ganz gut auskommen können, heißt, nicht in den unendlichen weiten des WWW sich verbreiten….

Zurück auf Anfang!

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